Undines Traum
0039

Beitrag zum Thema «Summer in the City»

Weltwoche Nr.32, 6.August 1998

Zu Sommerbeginn im Jahre 1998, so wird erzählt, erfasst den Zürich-See ein Ereignis gigantischen Ausmasses. Die glatte Seeoberfläche wölbt sich plötzlich zu Hügeln und Bergen und formt wilde Landschaften. Menschen, Tiere, Boote, selbst grosse Passagierschiffe scheinen hilflos an den riesigen Wassermassen zu kleben. Spätere Forschungen belegen, dass der See die Topographie seines Grundes nach oben gespiegelt und somit sein Volumen verdoppelt hat.

Nun dauert dieser Rülpser des Zürich-See nur kurze Augenblicke und nur wenige Zeugen können davon berichten. Lange genug allerdings, dass sich im Zeitalter allzeit bereiter fototechnischer Reproduktionsmittel und vernetzter medialer Präsenz einige brauchbare Bilder des Ereignisses verbreiten und ihrerseits hohe Wellen werfen.

In Anbetracht der absolut unbedeutenden Schadensbilanz legt sich die anfängliche Aufregung bei ansässiger Bevölkerung, lokaler Behörde und elektronischer Börse rasch und weicht zunehmender Neugierde. Erklärungen werden gesucht, Forschungen angestrengt und Theorien entwickelt - aber der Zürich-See gibt sein Geheimnis nicht preis.

Geblieben sind die Bilder aufstrebender Wassermassen sowie glänzender konkaver und konvexer Formen und ihrer Lichtreflexionen, die sich in den Köpfen der Menschen festklammern.

Vorallem aber entwickeln die Menschen von Zürich eine eigenartige Sehnsucht nach den fremdartigen Formen (besonders eine auffällige Einstülpung vor dem Zürichhorn hat es ihnen angetan). Auf erste Versuche den aufbäumenden See in Modellstudien nachzubilden folgen grosse geschwungene Konstruktionen aus transparenten Materialien, teils auf, teils unter der Wasseroberfläche; Immer im Bestreben den heftigen Taumel des Zürich-Sees zu neuem Leben zu erwecken.